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„Musica non grata“ der Prager Opernhäuser startet als tschechisch-deutsches Projekt im September 2020

75 Jahre nach Kriegsende startet in Prag der auf vier Jahre angelegte Zyklus „Musica non grata“, der an die reiche Prager Musiktradition vor 1938 anknüpft. Mit Unterstützung der Tschechischen Regierung und des Deutschen Bundestags, der dem Deutschen Auswärtigen Amt die finanziellen Mittel für das Projekt zur Verfügung gestellt hat, finden in den drei Prager Opernhäusern zahlreiche Konzerte, Opernproduktionen und Kammermusikkonzerte mit Werken tschechisch-jüdisch-deutscher Herkunft statt. Über vier Jahre soll die Erinnerung an eine Gruppe von Komponisten und ganz besonders Komponistinnen, die eine besondere Beziehung zu Prag und zur Tschechischen Republik haben, gewürdigt werden. Die drei historischen Prager Opernhäuser Staatsoper, Oper des Nationaltheaters und Ständetheater beteiligen sich an dem Zyklus, der am 6. September 2020 mit einem Konzert in der Staatsoper (vormals Deutsches Theater) eröffnet werden soll. Weitere Programmpunkte wie auch die Weinberger-Oper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ werden zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben.

 

Initiiert vom neuen Künstlerischen Leiter der Prager Opernhäuser, Per Boye Hansen, wird das ambitionierte Projekt getragen von den beiden Musikdirektoren Jaroslav Kyzlink (Oper des Nationaltheaters) und Karl-Heinz Steffens (Staatsoper), Ondřej Hučín als Chefdramaturgen der Oper und Künstlerischem Leiter von Musica non grata, den Prager Ensembles, namhaften tschechischen Künstler*innen sowie zahlreichen internationalen Gästen. Das vielseitige Programm verbindet große Oper mit Sinfonik, Kammermusik und Liederabenden und wird durch Symposien und weitere Forschungsvorhaben begleitet.

 

Einen Fokus des Projekts bilden die sogenannte Entartete Musik und ihre Schöpfer. Zahlreiche Künstler beraubten die Nationalsozialisten ihrer Existenz beraubt und viele von ihnen wurden vertrieben oder ermordet. Dabei erklingen nicht nur Werke der Theresienstädter Komponisten Pavel Haas, Hans Krása, Gideon Klein und Viktor Ullmann, sondern auch eine Reihe von Komponisten, deren Schicksal von der Ideologie der aufstrebenden Macht des „Dritten Reiches“ betroffen war, wie Franz Schreker, Erwin Schulhoff, Rudolf Karel, Emil František Burian, Karel Berman oder Ludmila Peškařová. Auch Werke emigrierter Komponist*innen wie Ernst Křenek, Erich Wolfgang Korngold, Alexander Zemlinsky, Jaromír Weinberger, Bohuslav Martinů, Jaroslav Ježek, Vítězslava Kaprálová, Paul Hindemith, Kurt Weill oder Hanns Eisler werden erklingen.

 

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Musik aus weiblicher Hand. Waren die 20er und frühen 30er Jahre doch auch eine Zeit der Emanzipation von Komponistinnen. Frauen wie Vítězslava Kaprálová, Ludmila Peškařová, Emmy Destinn, Julie Reisserová oder die schottisch-tschechische Komponistin Geraldine Mucha traten aus dem Schatten ihrer männlichen Kollegen. Deshalb soll auch diese bisher wenig beleuchtete Facette des Musiklebens endlich vom Schattendasein befreit und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, über die Grenzen Prags hinaus. Sämtliche Aufführungen der „Musica non grata“ werden digital durch Streaming zugänglich gemacht und zum Teil im Anschluss daran auf DVD, CD und in Online-Archiven verfügbar sein.

 

Auch einige der Klassiker des 20. Jahrhunderts werden bei Musica non grata abgebildet: Igor Strawinski, Alban Berg und Arnold Schönberg, deren „entartete“ Musik ebenfalls von der nationalsozialistischen Ideologie missbilligt wurde. Selbst Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler – die die europäische Musikgeschichte wesentlich geprägt haben – fielen dem Rassenwahn des Regimes zum Opfer. Eines der Ziele des Projekts Musica non grata ist daher, an die Verhältnisse zu erinnern, die in unserem gemeinsamen mitteleuropäischen Raum vor nicht allzu langer Zeit herrschten, und dazu beizutragen, dass die Nachwelt die Fehler ihrer Vorfahren nicht mehr wiederholt. Vor allem aber soll Musica non grata eine Huldigung an die Musik sein, eine Hommage an eine Kunst, die nicht zum Schweigen gebracht werden kann.

 

 

Musica non grata … und sie erklingt doch

 

 

Stellungnahmen:

 

Heiko Maas, Bundesminister für Auswärtiges, Deutschland

„75 Jahre nach Kriegsende und 30 Jahre nach der ‚Samtenen Revolution‘ soll in den kommenden Jahren die Musik von Künstlerinnen und Künstlern erklingen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und verfemt wurden. Die Erinnerung an sie und ihre musikalische Schaffenskraft ist ein wichtiger Teil der Aufarbeitung des erlittenen Unrechts. Mit diesem Projekt unterstreichen wir unsere Partnerschaft mit der Tschechischen Republik, und wir zeigen, wie schätzens- und schützenswert unser gemeinsames kulturelles Erbe in Europa ist. Diese Botschaft ist in der aktuellen Krise wichtiger denn je.“

 

Per Boye Hansen, Künstlerischer Direktor der Prager Opernhäuser

„In der ersten Saison des Projekts Musica non grata werden wir dem Publikum die Opern von Hans Krása „Verlobung im Traum“ und „Der ferne Klang“ von Franz Schreker anbieten. Die Staatsoper Prag wird auch die konzertante Aufführung der Oper von Erwin Schulhoff „Flammen“ präsentieren, die Oper des Nationaltheaters eine neue Produktion der Oper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ von Jaromír Weinberger und die konzertante Aufführung des gesungenen Balletts von Bohuslav Martinů „Špalíček“.“

 

Karl Heinz Steffens, Musikdirektor der Staatsoper Prag

„Regimes können die Künstler ins Gefängnis werfen, sie aus ihrem Land verbannen, sie sogar töten; doch unser Projekt dient als Beweis, dass die Kunst ewig und unzerstörbar ist. Es ist für mich eine Ehre, am Projekt Musica non grata teilzunehmen, das in den nächsten vier Jahren eine Vielfalt wunderbarer und wichtiger Musik jener Komponisten zeigen wird, die die Zeit des Nationalsozialismus größtenteils nicht überlebt haben, aber dank ihrer Musik trotzdem noch weiter lebendig sind.“

 

Jaroslav Kyzlink, Musikdirektor der Oper des Nationaltheaters

„Es ist äußerst ermutigend und verpflichtend für jeden Musikdirektor und Interpreten, wenn sein Ensemble Teil eines so wichtigen mehrjährigen, subventionierten Programms wird, wie es zweifellos das Projekt Musica non grata ist. Die Werke von Bohuslav Martinů und Jaromír Weinberger, die wir im Rahmen der ersten Saison des Projekts am Nationaltheater präsentieren werden, erfüllen für mich persönlich idealerweise die dramaturgischen Absichten des Projekts – obwohl es sich um wenig gespielte Werke handelt, haben sie unleugbar ihre Qualität und sind ungemein attraktiv für das Publikum, dem wir ja heutzutage besondere Aufmerksamkeit widmen müssen.“

 

Ondřej Hučín, Chefdramaturg der Staatsoper und der Oper des Nationaltheaters

„In einer Zeit, in der manche Leute wieder mit den Vorstellungen einer direktiv regierten menschlichen Gesellschaft kokettieren und politische Vermarkter diesen gefährlichen Unsinn geschickt missbrauchen können, ist es keineswegs falsch, daran zu erinnern, welche Folgen ein Verzicht auf die Freiheit, sei er unfreiwillig oder auch freiwillig, und der Hass anderen Kulturen gegenüber mit sich bringen kann. Das Projekt Musica non grata will uns nicht nur an die „unerwünschte Musik“ erinnern, an jene Musik, die zum Schweigen gebracht werden sollte, sondern uns auch die ganze Reihe der Diktaturen des 20. Jahrhunderts vor Augen führen, die  das Leben so vieler großer Musiker unheilvoll beeinflusst oder sogar zerstört haben.“

 

 

 

Eröffnungskonzert Musica non grata

Staatsoper Prag (Státní opera)

Sonntag, 6. September 2020, 19.00 Uhr

Dirigent: Karl Heinz Steffens

 

Programm:

Vítězslava Kaprálová:

Konzert für Klavier und Orchester d-Moll, Op. 7

Alexander Zemlinsky:

Psalm 23 für gemischten Chor und Orchester

Psalm 13 für gemischten Chor und Orchester

Bohuslav Martinů:

Tschechische Rhapsodie für Bariton, gemischten Chor, Orchester und Orgel

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